Immer mehr Pestizide im Essen

 Obst und Gemüse in deutschen Supermärkten wird immer giftiger. Weintrauben sind zu 96 Prozent belastet, jede vierte Paprika weist Pestizidrückstände bis an die Grenze der erlaubten Höchst­werte auf sagt Greenpeace. Frei von Rückständen sind nur biologisch angebautes Obst und Gemüse.   Wer sich gesund ernähren will, sollte häu­fig zu Obst und Gemüse greifen. Fünfmal am Tag lautet eine Faustregel, sollte man jeweils eine Hand voll der gesunden Nah­rungsmittel verzehren, um Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeu­gen. Liest man jedoch die neuesten Höchstwerte der in Obst und Gemüse ge­messenen Pestizide, erscheint der Rat plötzlich weder sinnvoll noch verlockend.

Dabei verführt momentan der Anblick großer, dicker Weintrauben den Kunden zum Griff ins Obstregal. Was äußerlich so appetitanregend aussieht, offenbart sich bei näherer Betrachtung als wahre Gift­spritze. Rund 96 Prozent der von Green­peace Ende August getesteten Trauben enthielten Pestizidrückstände. 35 Prozent von ihnen erreichten die gesetzlich vorge­schriebenen Höchstwerte von Pestiziden oder überschritten sie sogar - etwa für das krebserregende Insektenbekämp­fungsmittel Flusilazol und das in Deutschland verbotene Pestizid Lufenuron, das ebenfalls karzinogen ist. Die un­gesunden Trauben stammten aus Filialen der sieben größten deutschen Super­marktketten, so zum Beispiel Aldi, Rewe, Lidl, Metro und Spar. Frei von Rückständen waren lediglich Bio-Trauben. Dies ist kein erschreckendes Einzelergebnis:
Im Jahre 2003 erreichten oder überschritten 25 Prozent der Supermarkttrauben die Höchstgrenze für Pestizide. Einseitiger Verzicht auf Weintrauben schützt nicht vor Spritzrückständen, denn auch anderes Obst und Gemüse ist belas­tet. In den letzten Jahren berichtete Greenpeace des öfteren, dass auch Gemüsepaprika Pestizide enthält. Jede vierte Paprika er­reicht oder überschreitet den Grenzwert. Gegen über dem Vorjahrestest stieg da mit die Überschreitungsquote um weitere 4 Prozentpunkte an und bestätigt den ebenfalls bei den Trauben ermittelten An­stieg der belasteten Proben. Manche Pa­prika aus konventionellem Anbau enthielt bis zu 20 Mal mehr Pestizide als gesetzlich erlaubt. Besonders schlecht schnitten türkische und spanische Paprika ab. Beim biologischen Anbau bestätigen die Unter­suchungen die Ergebnisse der Trauben. Bio-Paprika aus Deutschland und den Nie­derlanden weisen meist nur geringe oder gar keine Rückstände auf.

Der Chemieexperte von Greenpeace, Manfred Krautter, warnt vor dem Konsum konventionell angebauter Paprika. Die Pestizidrückstände in Paprika sind ge­sundheitlich bedenklich. So enthalten belastete Paprika etwa das Insektizid Cyfluthrin, das unter Verdacht steht, hormonell wirksam und eventuell gar neurotoxisch zu sein. Ebenfalls messbar war das Fungizid Myclobutanil, das auch im kon­ventionellen Anbau von Zitrusfrüchten, Bananen, Johannis- und Stachelbeeren verwendet wird. Myclobutanil soll ebenfalls endokrin wirken und die Fruchtbar­keit verringern. Auf immun- und neurotoxische Eigenschaften ist es bisher nicht systematisch untersucht worden. Es gibt kaum Obst- und Gemüsesor­ten, die frei von Pestzidrückständen wären. Bananen weisen das als möglicher­weise krebserregend eingestufte Fungizid Prochloraz auf. Anhand des besonders bei Kindern beliebten Obstes lässt sich ein er­schreckender Trend beobachten. Die ge­setzlich zulässigen Höchstwerte der Pes­tizide steigen jährlich. In den vergange­nen fünf Jahren sind in Deutschland rund 1000 Einzelveränderungen der Höchst­mengen für Pestizide in pflanzlichen Er­zeugnissen vorgenommen worden. Hier­bei standen 670 Anhebungen (59 Prozent) 462 Absenkungen (41 Prozent) gegenüber.

Genauso bei den Bananen. Hier wurde der Höchstwert für Prochloraz von 0,05 mg/kg auf 8 mg/kg angehoben. Dies ent­spricht einer Erhöhung um das 160-fache. Der zulässige Wert für Myclobutanil wurde gar um das 200-fache erhöht. Da die maximal zulässige tägliche Aufnahme bei 0,6 mg liegt, reichen schon 75 g Banane, um den zulässigen Grenzwert zu erreichen. Jeden Tag eine belastete Banane zu essen, wäre somit ein gesundheitliches Risiko mit verminderter Fruchtbarkeit und erhöhter Gefahr einer Krebserkran­kung. Auch die im Frühling so verlockenden Erdbeeren sind keine gesunde Alternative. Bei ihnen lässt sich das Fungizid Chlorthalonil nachweisen. Dies ist beim Men­schen als möglicherweise karzinogen ein­gestuft. Im Jahre 2000 wurde der gesetz­lich zulässige Höchstwert für dieses Pestizid von 0,01 mg/kg um das 300-fache auf 3 mg/kg heraufgesetzt. Die gesundheit­lich unbedenkliche Aufnahme liegt bei 0,9 mg/d. Dies entspricht mit 300 g einer halben Schale Erdbeeren. Vor der Anhe­bung des Grenzwertes hätte der Konsu­ment theoretisch 90 Kilogramm des Obstes verzehren dürfen. Besonders kritisch sind die Pestizide im Essen für Babys und Kleinkinder. Wer seine Kinder grundsätzlich gesund ernäh­ren will, scheint gänzlich auf Obst und Ge­müse aus herkömmlichem Anbau ver­zichten zu müssen. Nicht nur Bananen sind belastet.

Auch die ebenfalls von Kin­dern geliebten Äpfel und Birnen weisen Pestizidwerte auf, die oberhalb der Gren­ze von Kleinkindnahrung liegen. Dass herkömmliches Obst und Gemüse für die Er­nährung von Kleinkindern nicht uneinge­schränkt geeignet sind, wissen auch die Handelsketten. So schrieb im Sommer letzten Jahres Rewe einem besorgten Ver­braucher: "Wenn Sie die Nahrung selbst zubereiten möchten, empfehlen wir ih­nen, Produkte aus ökologischer Landwirt­schaft zu verwenden." Dass wissentlich derart belastete Ware angeboten wird, ist unverantwortlich. Sinnvoll wäre die Kenn­zeichnung der Ware mit dem Hinweis "Für die Ernährung von Kleinkindern ungeeignet". Denn Säuglinge und Kleinkin­der sind besonders empfindlich und in ho­hem Maße durch Pestizide gefährdet. Die Gifte können bei ihnen zu Langzeitschä­den des Nerven- und Immunsystems füh­ren. Deshalb gelten hier auch strengen Richtlinien. Kleinkindnahrung darf nur 0,01 mg Pestizid pro kg Nahrung enthalten. Verkauft werden aber Obst und Gemüse, deren legale Grenzwerte beim 500-fachen liegen.

Auch EU-Verbraucherkommissar David Byrne schließt bei diesen ho­hen Werten Gesundheitsschäden mehr aus. Erstrebenswert wäre eine Senkung der Höchstgrenzen auf das von Kindernahrung gültige Maß. Wer bis da­hin auf Obst nicht verzichten will, sollte auf nachweislich nicht belastetes Odst und Gemüse aus ökologischem Anbau zurückgreifen.