Paukenerguss

Offenes Ohr für kleine Patienten

Kinder mit einem Paukenerguss hören schlecht. Ihre sprachliche Entwicklung ist gefährdet. Durch einen kurzen Eingriff sorgt der Arzt für frische Luft in der Paukenhöhle. Was passiert, wenn man sich beide Ohren mit den Händen zuhält? Die Sprache klingt leise und verwaschen, was hinter dem eigenen Rü­cken passiert, bekommt man kaum mit. So ungefähr hört ein Kind mit einem Erguss im Mittelohr. Normalerweise strömt frische Luft drei- bis viermal pro Minute durch die Ohrtrompete und belüftet das Mittelohr. Hier leiten die Gehörknöchelchen die Schwingungen des Trommelfells ans In­nenohr weiter. Hat sich jedoch Flüssigkeit in Ohrtrompete und Mittelohr gesam­melt, schwingt nichts. Folge: Die Kinder reagieren nicht auf Ansprache von hinten und sprechen schlechter. Typisch ist das Verwechseln von Vokalen, beschreibt Dr. Thomas Flöttmann, Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Berlin-Neukölln, die Sym­ptome. Häufig kommt es zu einem Paukenerguss, wenn durch Grippe oder Er­kältung Erreger in den Verbindungsgang (Ohrtrompete) zwischen Ohr und Nasen-Rachen-Raum gelangt sind. Die Schleim­haut entzündet sich, schwillt an. Die Be­lüftung des Mittelohrs ist gestört. Auch große Rachen- oder Gaumenmandeln können die Ohrtrompete blockieren, so dass sich Flüssigkeit ansammelt.   

Der Arzt muss schnell handeln

Meistens erkranken Kinder zwischen vier und fünf Jahren. Aber auch schon bei Kleinkindern kann das Sekret das Gehör dämpfen. Zunächst wird der HNO-Arzt abschwellende Nasentrop­fen verschreiben, die maximal 14 Tage eingesetzt werden dürfen. Auch Nasen­sprays mit Salzwasser, ein Klimawech­sel oder ein homöopathischer Therapieversuch können helfen. Aber die Zeit läuft. ?Durch den Erguss kann eine chronische Entzündung entstehen, als deren Folge das Kind lebens­lang schlecht hört", erklärt Dr. Thomas Flöttmann. ?Vor allem aber gefährdet ein länger bestehender Paukenerguss die Entwicklung von Sprache und Intel­ligenz." Spätestens nach drei Monaten sollte deshalb ein HNO-Arzt für frische Luft in der Paukenhöhle sorgen. Vor der Operation bekommt der Pa­tient eine Vollnarkose. Der HNO-Arzt schneidet unter dem Mikroskop eine winzige Öffnung ins Trommelfell und saugt den Erguss ab. Meist ist die Flüssig­keit zäh und trübe. Damit alles abfließt und sich die Zellen der Schleimhäute gut erholen, muss die Öffnung mehre­re Monate lang offen bleiben. Deshalb platziert der Arzt ein Röhrchen in den Schlitz. Es spannt sich auf und klemmt sich im Trommelfell ein (siehe Grafik). Die meisten Kinder bekommen ein Goldröhrchen eingesetzt, das sich nach eini­gen Monaten von alleine abstößt. Leidet ein Kind ständig an Ohrproblemen und ist deshalb eine längere Behandlungs­zeit zu erwarten, ist ein so genanntes T-Röhrchen besser geeignet. Dieses ver­keilt sich fest im Trommelfell. Haben vergrößerte Rachenmandeln den Erguss verursacht, entfernt sie der Arzt bei der Operation gleich mit.   

Kleiner Schnitt ins Trommelfell

Gelegentlich ist der Erguss im Mittelohr klar und dünnflüssig. Dann genügt es oft, ihn über einen winzigen Schnitt im Trommelfell abzusaugen (Parazentese). Das Loch schließt sich innerhalb von 24 Stunden wieder. Damit sich das Mittelohr gut erholen kann, wäre aber manchmal eine langsamere Heilung bes­ser. Nach einem Schnitt mit dem Laser­strahl bleibt das Trommelfell 14 Tage of­fen. ?Ein Lasereingriff ist zumindest bei Erwachsenen auch in örtlicher Betäu­bung möglich. Die Geräte stehen aber fast nur in Kliniken, kaum in Praxen", so Dr. Flöttmann. Der Erfolg einer OP zeigt sich schnell: Schon wenn die Kinder aus der Narko­se aufwachen, hören sie wieder gut. Die Kleinen spüren die Röhrchen nicht. Sie dürfen fast alles unternehmen - solange kein Wasser ins Ohr gelangt. Denn über die Öffnung könnten Keime eindringen und das Mittelohr entzünden. Diese Komplikation erleben fünf bis zehn Pro­zent aller Röhrchen-Träger. Ein laufendes Ohr gilt als erstes Warnsignal. Da wegen des Röhr­chens der Druck im Mittelohr nicht ansteigt, klagen die Kinder nicht über Schmerzen. Be­merken Eltern deshalb Sekret im Gehörgang des Kindes, sollten sie sofort zum HNO-Arzt, der in der Regel ein Antibiotikum verschreibt. Manchmal saugt er auch das Ohr zuerst ab und spült es. So lässt sich die Entzündung un­ter Umständen auch ohne Medikamente in den Griff bekommen.   

So klappt's mit der OP

Paukenröhrchen werden bei Kindern in Voll­narkose eingesetzt. Der ambulante Eingriff dauert etwa 15 Minuten. Nach dem Aufwa­chen spüren die Kinder nichts vom Röhrchen im Ohr. Kaum einer der kleinen Patienten klagt über Schmerzen. 

Schonzeit

Ein Ruhetag genügt. Sport ist erlaubt. Es darf aber kein Wasser ins Ohr kommen! Tauchen ist daher verboten. Auch den Schwimmkurs sollten die Eltern lieber verschieben. Eingefettete Watte im Gehörgang schützt beim Plantschen und Haarewaschen. Optimal dichtet eine Schwimmplastik nach Maß vom Akustiker ab. Sie kostet etwa 30 Euro und ist keine Kassenleistung. 

Kontrolle

Alle zwei Monate schaut der HNO-Arzt nach, ob das Paukenröhrchen noch richtig liegt. Goldröhrchen stoßen sich meistens nach einem halben Jahr von selbst ab. T-Röhrchen nimmt der Arzt nach einem Jahr heraus.